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Charlie Chan – Interview-Special

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Nach SHERLOCK HOLMES und VAN DUSEN widmet sich All Score Media mit CHARLIE CHAN einer weiteren Detektiv-Legende. In Berlin sprachen wir mit Regisseur Gerd Naumann über die Entstehung dieser Produktion.

PLAYtaste: Mit CHARLIE CHAN veröffentlicht All Score Media die erste Hörspielserie auf dem hauseigenen Label Allscore. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen??

Gerd Naumann: Wir produzieren mit SHERLOCK HOLMES – DIE NEUEN FÄLLE für Romantruhe Audio und PROFESSOR VAN DUSEN für Maritim bereits zwei Kriminalserien mit klassischen und bekannten Ermittlern. Sherlock Holmes ist der deduktiv vorgehende Ermittler und Professor van Dusen der überlebensgroße Kriminologe schlechthin. Der chinesischstämmige Ermittler Charlie Chan tritt eher verschmitzt-zurückhaltend auf und wird von den Verdächtigen gerne unterschätzt. Gerade diese Bescheidenheit macht ihn allerdings brandgefährlich, denn mindestens ebenso beharrlich ist er an der Aufklärung der Verbrechen interessiert. Das ist eine schöne Ergänzung zu unseren beiden anderen Ermittlern.

PLAYtaste: Wie fiel die Wahl des Sprechers auf Helmut Krauss? Was muss ein Schauspieler beziehungsweise Sprecher mitbringen, um eine solche Titelfigur zu füllen?

Gerd Naumann: Helmut Krauss verkörpert für uns den idealen Ermittler, denn er strahlt eine natürliche Ruhe und Autorität aus. Mögen die Ereignisse noch so hitzig und turbulent sein, er scheint sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Chan ist der gelassene Fels in der Brandung, das verkörpert Helmut Krauss sehr schön.

PLAYtaste: Nach Sherlock Holmes und Professor van Dusen präsentiert ihr ein weiteren Ermittler, der eher auf Köpfchen setzt, statt auf Muskeln. Worin liegt die Faszination an den entschleunigten Krimis?

Gerd Naumann: Je schneller und lauter sich der Alltag in einer Gesellschaft gestaltet umso mehr Menschen haben das Verlangen nach Entschleunigung. Vielleicht auch die Sehnsucht danach, in einer ruhigeren und überschaubareren Welt zu leben. Die Welt der Pferdekutschen, knatternden Automobile und Wählscheibentelefone ist vielleicht ein solcher Sehnsuchtsort. Natürlich gestaltet sich hier die detektivische Ermittlungsarbeit weniger actionbetont, als es heutzutage der Fall ist. Es wird in aller Ruhe ermittelt, Beweise werden gesammelt und gewichtet. Die Überführung der Täter geschieht in aller Regel nicht mit vorgehaltener Waffe, sondern durch die Kraft des gesprochenen Wortes. Es gewinnen in diesen Geschichten am Ende nicht die Menschen, die mit bewusster Gewalt oder Brutalität vorgehen, sondern die scheinbaren Außenseiter. Der Gewalt wird der menschliche Geist entgegengesetzt. Das Gute und menschliche siegt am Ende, was wir uns in der wirklichen Welt oft wünschen würden…

PLAYtaste: Von Charlie Chan gab es bereits kurz nach den Buchveröffentlichungen in den 1920er Jahren beliebte Verfilmungen. Sehr bekannt sind beispielsweise die Filmadaptionen der 1930er und 1940er Jahre. Inwiefern hebt sich die Hörspielumsetzung von diesen ab beziehungsweise wie nah sind die Geschichten an der literarischen Vorlage?

Gerd Naumann: Die bekannten Schwarzweißkrimis mit Warner Oland, er verkörperte Chan in den Filmen am häufigsten, sind sehr beliebt. Die Filmadaptionen nahmen sich aber einige Freiheiten bezüglich der Figurenzeichnung, so wird Charlie Chan nicht ohne Klischees gezeichnet. Wir wollten die Figur etwas von diesen Klischees befreien, die oftmals doch sehr stereotyp waren. In der Hörspielumsetzung orientieren wir uns stark an den sechs Originalromanen von Earl Derr Biggers. Dieser zeichnete seine Figur sehr liebevoll als ernstzunehmenden Kriminalisten, der keinesfalls ein „Bilderbuchchinese“ ist. Bezogen auf die Dramaturgie versuchen wir möglichst nah an den literarischen Vorlagen zu bleiben.

PLAYtaste: Was zeichnet denn eine typische Charlie-Chan-Geschichte aus? Wie könnte man die Hauptfigur beschreiben?

Gerd Naumann: Die typische Charlie-Chan-Geschichte ist ein so genannter „Whodunit“, also die Aufklärung eines Verbrechens zur Überführung des Täters. Ich sehe hier große Ähnlichkeiten zwischen Earl Derr Biggers und Agatha Christie, die ja beide Zeitgenossen waren. Die Handlung spielt oftmals an exotischen Orten, typisch für beide ist auch die Ermittlung innerhalb eines einprägsamen Figurenensembles in höheren Kreisen. Jeder könnte der Verdächtige sein und nichts ist, wie es scheint. Am ehesten lässt sich Charlie Chan mit Hercule Poirot vergleichen. Letzterer hat jedoch ein großes Selbstbewusstsein, das er bewusst zur Schau stellt. Charlie Chan hat das nicht nötig, er ermittelt nach dem Motto, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Akribisch setzt er die Puzzleteile eines Falles zusammen, bei dessen Lösung ihm seine Lebenserfahrung sowie das gewisse Quäntchen fernöstliche Weisheit hilft. Chan ist kein überlebensgroßer Ermittler wie Poirot, oder sagen wir auch Sherlock Holmes, aber er bedient sich natürlich ebenfalls der Deduktion.

PLAYtaste: Wo liegt der Unterschied zwischen Agatha Christie und Earl Derr Biggers?

Gerd Naumann: Der Unterschied liegt in der Erzählweise. Die Engländerin Agatha Christie erzählt ihre Kriminalgeschichten sehr schwelgerisch und die Romantik nimmt bei ihr seinen sehr großen Raum ein. Auch bei Earl Derr Biggers gibt es eine Liebesgeschichte am Rande, die der Kriminalistik einen menschlichen Anstrich verleiht. Sein Erzählstil ist allerdings amerikanischer, in gewisser Hinsicht sogar ein wenig moderner als der von Christie. Deshalb wollen wir es bei der Hörspielumsetzung mit der Nostalgie auch nicht übertreiben, so etwa ist die Musik bewusst rhythmisch gehalten und dem Jazz verhaftet. Jedoch konzentrieren sich die Hörspiele, genau wie die Romane, bewusst auf die Ermittlungsarbeit. Zeugen werden befragt und gefährliche Situationen geschehen, im Vordergrund steht allerdings immer das Zwischenmenschliche, die Dynamik der Figuren untereinander. Wenn Earl Derr Biggers nicht so früh verstorben wäre, hätten seine Romane langfristig mindestens ebenso erfolgreich sein können, wie die Werke von Christie.

PLAYtaste: In der ersten Folge sind zahlreiche Synchron- und Hörspiellegenden wie Christian Rode, Lothar Blumhagen, Lutz Riedel, Jürgen Thormann, Peter Groeger und viele andere zu hören. Wie wichtig sind solche Stimmen für diese Art der Produktionen?

Gerd Naumann: Hier gilt, dass die Besetzung immer eine Geschmacksfrage ist. Ich lasse mich gerne vom Stimmalter leiten, weniger vom tatsächlichen Alter des Schauspielers. Eine ältere Stimme kann auch einen jüngeren Charakter sprechen, was keinesfalls selten ist. Allerdings besteht die Besetzung ja niemals nur aus „gestandenen Hörspielveteranen“, sondern auch aus vielen jüngeren Schauspielern, die mindestens ebenso gut die Geschichte transportieren.

PLAYtaste: Viele Rollen eurer Hörspiele werden von den Sprechern im Ensemble eingesprochen. Mittlerweile eine Seltenheit in der heutigen Hörspielszene. Warum ist euch das nach wie vor wichtig?

Gerd Naumann: Die Ensemblearbeit ist und bleibt uns grundsätzlich sehr wichtig. Wir versuchen nach Möglichkeit, zumindest die Hauptrollen immer zusammen aufzunehmen. Das gelingt uns bei SHERLOCK HOLMES – DIE NEUEN FÄLLE, PROFESSOR VAN DUSEN und erfreulicherweise auch bei CHARLIE CHAN immer. Es ist natürlich ein größerer logistischer Aufwand, als die Rollen getrennt einzusprechen, da nicht jeder Schauspieler immer zum entsprechenden Termin verfügbar ist. Das Ergebnis einer Ensembleaufnahme kann aber viel lebendiger sein, da die Schauspieler hier unmittelbar miteinander interagieren können. Das ist gerade bei Dialogstücken sehr wichtig, da es hier um feinste Nuancen geht. Zudem ergeben sich durch Improvisationen im Studio immer neue Farben, die eine Geschichte bereichern können.

PLAYtaste: Wie viele Folgen sind bereits produziert beziehungsweise geplant? Wieviel Stoff gibt die Originalvorlage her?

Gerd Naumann: Es gibt sechs Originalromane von Earl Derr Biggers, diese wollen wir auch umsetzen. Die Romanadaption ist eine große Herausforderung für unseren Autor Marc Freund, auch für Sounddesigner Tom Steinbrecher ist es eine anspruchsvolle Aufgabe. Da es sich jeweils um umfangreiche Romane handelt, geben diese für die Hörspielumsetzung eine gute Vorlage. Wir gehen chronologisch vor, was sehr schön ist. DAS HAUS OHNE SCHLÜSSEL war der erste Chan-Roman und ist auch die erste Folge unserer Serie. Das Buch diente zur Einführung des Charakters, genau wie bei Earl Derr Biggers agiert Chan im Hörspiel noch etwas zurückgenommener. Das ändert sich aber im Laufe der Romane beziehungsweise der Serie. Die vielen Facetten von Charlie Chan offenbaren sich dann mit jedem Kriminalfall mehr. Oder um es so zu sagen: Ein Chan wächst mit seinen Aufgaben.